aufmerksamkeit und zeit

„Was ist Zeit? Ein Geheimnis – wesenlos und allmächtig“ (Thomas Mann)

 

Auf der letzten Sensus Veranstaltung wurde diskutiert, wonach moderne Gesellschaften „sehnen“. Die zweite Sensus Veranstaltung fragte danach wonach modernen Gesellschaften „suchen“. Vermeintlich hat die Suche mehr Nachdruck, als das Sehnen.

 

Ein wesentlicher Teil der Gespräche war es, darüber zu beratschlagen, was Zeit denn eigentlich ist.

 

Zeit ist schwer zu greifen.

 

Was die Uhr misst, ist ja einfach nur eine beliebige Maßeinheit, aber ja nicht wirklich, was wir wahrnehmen, wenn wir von Zeit sprechen. Zeit ist ja ein enorm subjektives Gefühl. Was Zeit, rein objektiv ist, wissen wir ja gar nicht.

Da ist es dann eigentlich absurd, dass wir davon sprechen, dass die Zeit vergeht. Weil dadurch, dass die Wahrnehmung für Zeit ja ein individuelles Gefühl ist, können wir das Vergehen ja eigentlich wieder gar nicht messen. Es müsste eher heißen, eine Stunde ist vergangen. Das können wir messen.

 

Was wir wiederum messen können, ist wie viel wir in einer bestimmten Zeit schaffen, allerdings darf hinterfragt werden, ob das eine Sinnvolle Einheit ist, denn Aufmerksamkeit schrumpft, wenn der Zeitaufwand schrumpft. Vielleicht wäre es mal einen Versuch wert, den Dingen genau die Zeit zu geben, die Sie brauchen. Sagen Sie nicht: ich werde dieses Buch bis morgen lesen, fangen Sie einfach an, und irgendwann sind Sie dann fertig.

Das Thema dieser Gesprächsrunde war ja nicht nur die Zeit, sondern auch die Frage nach Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist nicht das gleiche wie Zeit.

 

„Daher das Plädoyer: Verbringen Sie Ihre Abende nicht damit, dass Sie viele verschiedene Sachen machen, sondern suchen Sie sich eine aus und widmen Sie sich ihr ganz.“ (Schmidt)

 

Es lohnt auch zu beachten, was oder wem man seine Aufmerksamkeit schenkt: ein Mensch mag die Aufmerksamkeit erwidern, dann ist sie getauscht, ein Medium (im engeren Sinne) wird die Aufmerksamkeit verschlucken und sie nicht zurückgeben.

 

 

Warum ist es heute so Schwierig, tatsächlich Aufmerksamkeit zu schenken, oder gar zu bekommen?

Mit der Vielzahl an Möglichkeiten, die die moderne Gesellschaft heute bietet, schafft es kaum noch jemand umzugehen.

Nicht nur durch die neuen Technologien erleben wir einen solchen Überfluss an Informationen, sind es gewöhnt ständig erreichbar zu sein und Kommunizieren parallel über verschiedene Kanäle.

Da ist es an uns tatsächliche „Techniken und Fähigkeiten zu erlernen, um die Aufmerksamkeit wieder zurück zu gewinnen.“ (Pechlaner)

Loppow schlug vor, dass Themenorientierung eine wichtige Methode sein kann um Aufmerksamkeit zu üben. Aber auch den Umgang mit den neuen Technologien müssen wir erst lernen. „Wir müssen eine Kulturtechnik entwickeln, die uns eben befähigt, diese Technik wirklich sinnvoll und gut zu nutzen, um dann Freiräume zu haben und sich auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist – sich respektvoll, aufmerksam gegenseitig zu begegnen und auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten und sie zu erreichen.“ (Bös)

Man muss sich auch vor Augen führen, dass es Notwendig ist, mit seiner Zeit gut umzugehen. Denn wenn man nicht lernt, mit seiner Zeit gut umzugehen, das Wichtige herauszufiltern, dann beherrscht die Zeit uns. Und wir verlieren unsere „Souveränität über unsere Zeit“ (Ladurner).

Entschleunigung ist dann so ein modernes Wort, dass immer wieder fällt, wenn es darum geht, Wichtiges zu isolieren, sich Zeit zu nehmen. Allerdings ist fraglich, ob die Leute sich überhaupt noch Entschleunigung wünschen. Es gäbe ja schon Möglichkeiten, aber so richtig bricht dann doch niemand aus, aus dem System. Vielleicht weil die meisten Menschen sich aus materiellen Gründen davor fürchten.

 

Auch wenn man sich Entschleunigung nicht wünscht, vielleicht nur, weil man eine Abscheu gegenüber Modewörtern entwickelt hat, kann Besinnung gewünscht sein. Es ist eine Überlegung wert, der Aufmerksamkeit, die man zur Verfügung hat eine Maßeinheit zuzuweisen, so wie dem Geld. „Wie jeden Euro, so kann man auch jede Minute Aufmerksamkeit nur einmal ausgeben. Das heißt, dass jede bestimmte Widmung den Verzicht auf eine Unzahl von alternativen Verwendungsmöglichkeiten kostet.“ (Frank)

 

Was bedeutet es für Unternehmen, sinnvoll mit Zeit und Aufmerksamkeit umzugehen?

 

Unternehmerisch riskieren wir einen großen Produktivitätsverlust, wenn wir es nicht schaffen, uns zu Konzentrieren. Aufmerksam zu sein, und Möglichkeiten zu reduzieren.

Hierfür zum Beispiel, so Bös im Gespräch, ist es auch wichtig seine Mitarbeiter praktisch zu zwingen, auch mal länger Innezuhalten. Besonders junge Menschen im Beruf neigen dazu, ihre Urlaubstage immer nur an die Wochenenden zu legen um Kurzurlaube zu machen, aber die tatsächliche Erholung gelingt nur mit einer längeren Pause. Einem wirklichen Urlaub.

 

Effizienz ist ein Wort, das häufig mit Zeit in Verbindung gebracht wird. Unternehmerisch wird Effizienz häufig als strategisches Ziel formuliert, dabei birgt das strenge Regiment der Effizienz wohlmöglich das Risiko keine neuen Wege gehen zu können.

 

In der Wirtschaft heißt es ja häufig: Zeit ist Geld, aber das scheint sich in jüngster Zeit etwas zu wandeln. Die so genannte Generation Y hat neuartige Vorstellungen, wenn es um Zeit und Arbeit geht „Sie möchten sich ihre Arbeit selbst einteilen und unabhängig vom Ort machen können, an dem sie sich gerade aufhalten. Sie möchten auch, dass das Unternehmen dafür sorgt, dass Arbeitszeit und die Lebenszeit gut vereinbar sind.“ (Bös)

Dabei können wir auch beobachten, dass es einen Trend dazu gibt, dass immer unklarer wird, was Arbeitszeit und was Lebenszeit ist, beides verschwimmt sozusagen.

 

Es ist eine absolut wichtige Aufgabe des Managements darüber zu entscheiden wofür die Mitarbeiter Zeit aufwenden sollen. Und sie müssen auch wissen, dass die Zeit Ihrer Mitarbeiter endlich ist. Das ist besonders auch bei den jungen Menschen wichtig. Es kann beobachtet werden, dass es Ihnen noch seltener Gelingt wirklich zu reduzieren um sich so auf wenige Dinge und vor allem nichts parallel zu konzentrieren. Multitasking tut etwas für die Selbstbefindlichkeit, tut aber nichts für die kulturelle Produktivität und Kreativität.

 

Ein Aufruf zum Schluss: Schenken Sie Ihrer Zeit mehr Aufmerksamkeit und Ihrer Aufmerksamkeit mehr Achtsamkeit. Unterteilen Sie Ihren Tag in farbige Stunden, für verschiedene Tätigkeiten verschiedene Farben. Streben Sie einen bunten Tag an.

 

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Aktuelles

vigilius sensus 2024

07.11.2024
Am 07.11.2024 findet im vigilius mountain resort die Veranstaltung vigilius sensus zum Thema „Gutes tun - Wie der ethische Kapitalismus die Demokratie retten kann" statt.                 Die vigilius Sensus Veranstaltung 2024 widmet sich dem Thema „Gutes tun“. Prof. Markus Gabriel wird dabei sein neues Buch "Gutes tun - Wie der ethische Kapitalismus die Demokratie retten kann" vorstellen, das im September erscheint. Gabriel betont die Notwendigkeit eines ethischen Kapitalismus, der finanzielle Gewinne mit moralischen Werten verknüpft. Er argumentiert, dass nur durch eine solche Umstellung soziale Ungleichheit, Klimakrise und politische Instabilität überwunden werden können. Sein Vortrag bietet Einblicke und Strategien für eine nachhaltigere und gerechtere Zukunft durch verantwortungsbewusstes wirtschaftliches Handeln.                   Keynote: Prof. Markus Gabriel, weltweit renommierter Philosoph, Lehrstuhlinhaber für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn, bekannt für seine Arbeiten in der Neuen Ontologie und seine Kritik am Neuen Realismus. Autor zahlreicher einflussreicher Werke wie "Warum es die Welt nicht gibt" und "Ich ist nicht Gehirn".                                     Ticket erhältlich unter info@vigilius.it, 75,00 € p.P. inklusive Aperitif, 3 Gang Dinner mit ausgewählten Getränken, Seilbahnticket der Vigiljoch Seilbahn

Köpfe

Gunther Bös, Studium der Klassischen Philologie und Katholischen Theologie für das Lehramt in München und Rom, Promotion in Katholischer Theologie, 1994-2001 stv. Geschäftsführer bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, seit 2002 bei der AUDI AG in verschiedenen leitenden Funktionen des Personalwesens in Stab-, Linien- und Projektorganisationen, zuletzt als Leiter Social Responsibility. In dieser Aufgabe Entwicklung von Konzepten und deren Umsetzung zur Vereinbarkeit Familie-Beruf, Mitarbeitermobilität, Freiwilligenengagement, Private-Public Partnership-Netzwerke. Aktuell tätig in der Personalleitung im Werk Neckarsulm.
Geboren 1946. Studium der Philosophie, Architektur und Volkswirtschaftslehre in München. Promotion im Fach Volkswirtschaftslehre. 1974 bis 1993 tätig als freier Architekt und Entwickler von Software für die räumliche Planung, ab 1991 auch als Unternehmer im Bereich der Entwicklung räumlicher Informationssysteme. von 1994 bis 2015 Ordinarius für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der Technischen Universität Wien. Wurde über die Grenzen seines Fachs hinaus bekannt durch seine Arbeiten zur Ökonomie der Aufmerksamkeit und zur Philosophie der Zeit. Buchveröffentlichungen: Raumökonomie, Stadtentwicklung und Umweltpolitik, Stuttgart: Kohlhammer, 1992Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München: Carl Hanser, 1998Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes, München: Carl Hanser, 2005zusammen mit Dorothea Franck: Architektonische Qualität, München: Carl Hanser, 2008
»Reisen bedeutet für mich entdecken, worauf es ankommt: Den Kopf frei bekommen,in andere Gedankenwelten eintauchen, Bewegung in der Natur. Mit allen Sinnen genießen!«Reisen in nahe und entfernte Länder waren schon während seiner Schulzeit seine liebste Freizeitbeschäftigung. Nach einem Volkswirtschaftsstudium im Hamburg und einer Ausbildung an der Georg-von-Holtzbrinck-Journalistenschule fing er Mitte 1989 bei der ZEIT an.Zwölf Jahre lang hat er für das Reise- und das Wirtschaftsressort über Begegnungen und Erfahrungen in fremden Ländern berichtet, bevor er im Jahr 2000 für den Zeitverlag ZEIT REISEN gründete, deren Programm er bis heute leitet. Besonders auf Alpin-, Ski- und Golfreisen ist er gern mit unseren Lesern aktiv unterwegs – am liebsten ihn Südtirol und seinen Lieblingsbergen – den Dolomiten.
Prof. Dr. Harald Pechlaner ist Leiter des Center for Advanced Studies von Eurac Research und Professor für Tourismus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sowie Leiter des dort angesiedelten Zentrums für Entrepreneurship. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der nachhaltigen Destinationsentwicklung sowie ausgewählter Fragen der Global Governance in der Verknüpfung zu Wirtschaft und Politik. Seit 2014 ist er ständiger Forschungsgastprofessor an der Curtin Business School in Perth, Australien sowie Präsident der AIEST (Association Internationale d‘Experts Scientifiques du Tourisme). Pechlaner begleitet das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes in Berlin als wissenschaftlicher Leiter und ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Photo Credits: Tiberio Sorvillo/Eurac Research
Wilhelm Schmid, geboren 1953 in Billenhausen (Bayerisch-Schwaben), lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Umfangreiche Vortragstätigkeit, seit 2010 auch in China und Südkorea. 2012 wurde ihm der deutsche Meckatzer-Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie verliehen, 2013 der schweizerische Egnér-Preis für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst. Er studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen. Viele Jahre war er regelmäßig tätig als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien sowie als philosophischer Seelsorger am Spital Affoltern am Albis in der Nähe von Zürich/Schweiz. Homepage www.lebenskunstphilosophie.de, Twitter @lebenskunstphil/Buchpublikationen (Auswahl):/ Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers, 2016, Suhrkamp Verlag. / Von den Freuden der Eltern und Großeltern, 2016, Insel-Bücherei. / Vom Nutzen der Feindschaft, 2015, Insel-Bücherei. / Sexout. Und die Kunst, neu anzufangen, 2015, Insel Verlag. / Vom Glück der Freundschaft, 2014, Insel-Bücherei. / Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden, 2014, Insel Verlag. / Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt, 2013, Suhrkamp Verlag. / Unglücklich sein. Eine Ermutigung, 2012, Insel Verlag. / Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, 2011, Insel Verlag. / Ökologische Lebenskunst. Was jeder Einzelne für das Leben auf dem Planeten tun kann, 2008, Suhrkamp Taschenbuch. / Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, 2007, Insel Verlag. / Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, 2004, Suhrkamp Taschenbuch. /